eBook-Tipp: Mortal Engines - Krieg der Städte - eBook Spion
eBook-Tipp Mortal Engines

eBook-Tipp: Mortal Engines – Krieg der Städte

Niemand hatte mit einem Attentat gerechnet. Als das Mädchen mit dem Tuch vor dem Gesicht ein Messer zückt, um den Obersten Historiker Londons, Thaddeus Valentine, umzubringen, kann ihm der junge Gehilfe Tom in letzter Sekunde das Leben retten. Er verfolgt das Mädchen, das jedoch durch einen Entsorgungsschacht in die Außenlande entkommt. Dass Valentine, statt seinem Retter zu danken, den Jungen gleich mit hinausstößt, konnte ebenfalls beim besten Willen keiner ahnen …

Damit beginnt Toms abenteuerliche Odyssee durch die Großen Jagdgründe zurück nach London. Begleitet wird er von der unbeirrbaren Hester Shaw, die fest entschlossen ist, den Mord an ihren Eltern zu rächen. Sie treffen auf Sklavenhändler und Piraten, werden von einem halbmenschlichen Kopfgeldjäger verfolgt und von einer Aeronautin namens Anna Fang gerettet. Und all das, während Valentine plant, mittels einer Superwaffe aus dem Sechzig-Minuten-Krieg die Feinde der fahrenden Städte zu vernichten …

Leseprobe

Es war ein dunkler, böiger Nachmittag im Frühling, und im ausgetrockneten Bett der Nordsee eröffnete London die Jagd auf eine kleine Schürferstadt.

In besseren Zeiten hätte sich London mit so kläglicher Beute gar nicht abgegeben. Die mächtige Traktionsstadt hatte auf weit größere Siedlungen Jagd gemacht, vom Rand der Eisöde im Norden bis hinunter an die Küste des Mittelmeers. Doch dann wurde jede Art von Beute allmählich rar, und London hatte die hungrigen Blicke größerer Städte auf sich gezogen. Zehn Jahre hatte es sich versteckt, in einer nasskalten Hügellandschaft weit im Westen, die nach Auskunft der Historikergilde einst die Insel Großbritannien gewesen war. Zehn Jahre musste es sich auf dem verregneten Flecken Erde von winzigen Agrardörfern und statischen Siedlungen ernähren. Doch jetzt – endlich – hatte der Oberbürgermeister verkündet, es sei Zeit, über die Landbrücke in die Großen Jagdgründe zurückzukehren.

London war noch nicht weit gefahren, als die Späher der Stadt von ihren hohen Aussichtstürmen jene Schürferstadt entdeckten, die zwanzig Meilen voraus an der Salzkruste nagte. Den Londonern kam es wie ein Zeichen der Götter vor, und selbst ihr Oberbürgermeister (der weder an Götter noch an schicksalhafte Zeichen glaubte) hielt es für einen guten Auftakt der Reise gen Osten und befahl, die Verfolgung aufzunehmen.

Als die Schürferstadt die Gefahr bemerkte, drehte sie ab, aber Londons gewaltige Raupenketten hatten schon Fahrt aufgenommen. Bald rumpelte die Stadt in vollem Tempo voran, ein Berg aus Metall mit sieben Lagen wie eine Hochzeitstorte – die unteren Decks waren in Abgase gehüllt, auf den oberen schimmerten die teuren Villen, und noch darüber glänzte auf der Kuppel der St.-Pauls-Kathedrale ein goldenes Kreuz, sechshundert Meter über der verheerten Erde.

***

Tom putzte in der Naturkundeabteilung des London Museum die Exponate, als es begann. Er spürte das verräterische Zittern im metallenen Boden, und als er aufschaute, schwangen die Delphin- und Walmodelle leise quietschend an ihren Aufhängungen hin und her.

Tom machte das keine Angst. Er hatte sein ganzes fünfzehnjähriges Leben in London verbracht und kannte die Regungen der Stadt. Er wusste gleich, dass sie den Kurs wechselte und Fahrt aufnahm. Ein Schauder überlief ihn, das uralte Jagdfieber, das jeder Bewohner Londons kannte. Es war Beute in Sicht! Tom ließ Pinsel und Staubwedel fallen und legte eine Hand an die Wand, um den Vibrationen der Maschinen nachzuspüren, tief unten im Bauchraum seiner Stadt. Ja, da war es – das tiefe Wummern der zugeschalteten Hilfsmotoren, wie ein Trommelschlag, der ihm durch Mark und Bein ging, bumm, bumm, bumm.

Am Ende des Saals sprang die Tür auf, und Chudleigh Pomeroy kam hereingestürzt, das Toupet verrutscht und das Gesicht krebsrot vor Empörung. »Was in Quirkes Namen … ?«, polterte er und starrte zu den schaukelnden Walen hoch. Ausgestopfte Vögel ruckten und hüpften in den Vitrinen, als wollten sie die Jahre der Gefangenschaft abschütteln und zum Flug ansetzen. »Gehilfe Natsworthy! Was geht hier vor?«

»Eine Jagd, Sir«, sagte Tom und fragte sich, wie es Pomeroy fertigbrachte, als Zweiter Oberster der Historikergilde nach all der Zeit an Bord dieser Stadt ihren Herzschlag nicht deuten zu können. »Muss was Tolles sein«, erklärte er. »Alle Hilfsmotoren laufen, das ist ewig nicht mehr passiert. Vielleicht haben wir endlich mal Glück!«

»Pah!«, schnaubte Pomeroy und zuckte zusammen, als die Glasscheiben der Vitrinen im Takt der Motoren zu zittern und zu sirren begannen. Über seinem Kopf schwang das größte Exponat im Saal – ein Wesen namens Blauwal, das vor Tausenden von Jahren ausgestorben war – wie eine Kinderschaukel an den Stahltrossen hin und her. »Das mag ja sein, Natsworthy«, sagte er. »Dennoch wünschte ich, die Ingenieursgilde würde sich endlich durchringen, unser Museum mit anständigen Stoßdämpfern auszustatten. Die Exponate sind äußerst empfindlich. Das ist indiskutabel, gänzlich indiskutabel.« Er angelte ein getüpfeltes Taschentuch aus den Tiefen seiner langen schwarzen Robe und trocknete sich die Stirn.

»Ach, bitte, Sir«, sagte Tom, »könnte ich kurz zu den Aussichtsterrassen laufen und bei der Jagd zuschauen? Nur eine halbe Stunde? Die letzte richtige Jagd ist doch schon Jahre her … «

Pomeroy wirkte ehrlich entsetzt. »Unter gar keinen Umständen, Gehilfe! Schauen Sie nur, wie viel Staub diese scheußliche Jagd aufwirbelt! Die Exponate müssen alle auf Schäden untersucht und gereinigt werden.«

»Aber das ist ungerecht!«, beschwerte sich Tom. »Ich habe gerade eben schon im ganzen Saal gewischt!«

Er wusste sofort, dass das ein Fehler gewesen war. Der alte Pomeroy war kein übler Kerl, aber deshalb duldete er noch lange keinen Widerspruch von einem Gehilfen dritter Klasse. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf (er war in etwa so hoch wie breit) und schaute so tadelnd, dass sein Gildenzeichen zwischen den buschigen Brauen fast verschwand. »Das Leben ist ungerecht, Natsworthy«, grollte er. »Noch ein Wort von Ihnen, und ich verdonnere Sie nach der Jagd zum Bauchraumdienst.«

Von allen unangenehmen Pflichten eines Gehilfen dritter Klasse war der Bauchraumdienst mit Abstand die schlimmste. Tom verstummte und senkte gehorsam den Blick auf die säuberlich polierten Schuhspitzen des Museumsdirektors.

»Sie sind bis um sieben Uhr zur Arbeit eingeteilt, und Sie werden bis sieben Uhr arbeiten«, fuhr Pomeroy fort. »Ich dagegen muss die Kollegen zusammenrufen. Dieses grässliche, grässliche Gerüttel … «

Grimmig murmelnd eilte er davon. Tom schaute ihm nach, sammelte seine Utensilien zusammen und machte sich missmutig wieder ans Werk. Normalerweise hatte er nichts gegen das Putzen, zumal in diesem Saal, bei den freundlichen, mottenlöchrigen Tieren und dem blauen Wal mit dem breiten blauen Lächeln. Wenn er sich langweilte, konnte er sich in Tagträume flüchten, in denen er heldenhaft schöne Mädchen vor Luftpiraten beschützte, London gegen die Antitraktionistenliga verteidigte und glücklich lebte bis an sein Lebensende. Aber wie sollte er träumen, wenn alle anderen die erste richtige Jagd seit Jahren genießen durften?

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