eBook-Tipp: The World in my Mind - eBook Spion
eBook Tipp The World in my Mind

eBook-Tipp: The World in my Mind

Sophies Welt steht Kopf.
Kurz nachdem ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, stellt sie eine rätselhafte mentale Kraft an sich fest. So kann Sophie plötzlich auf Smartphones, Computer und Mikrowellen zugreifen, ohne die Geräte auch nur zu berühren.

Als ein Schüleraustausch Sophie nach Frankreich führt, lernt sie den charmanten Franzosen Jean kennen und vertraut ihm ihr erstaunliches Geheimnis an. Bei Jean findet sie Halt und lernt, mit ihrer Situation umzugehen. Doch daheim in Amerika erwarten sie bereits die finsteren Männer in Schwarz

Leseprobe

Sie hatte den Typen nicht kommen sehen, und als sie im letzten Moment auszuweichen versuchte, verfing sie sich mit einem Arm in seiner schäbigen Umhängetasche und sie beide gingen augenblicklich zu Boden.
Jetzt, wo sie auf selbigem hockte, über und über mit Milchkaffee besudelt, konnte sie nicht einmal mehr sagen, ob es nun wirklich ihre oder doch eher seine Schuld gewesen war. Was sie aber mit Sicherheit wusste, war, dass ihr Gesicht inzwischen mindestens so rot wie ihr Haar sein musste. Wie ätzend!
Sich mit ihrem schlechten Französisch in der Schule durchzuschlagen, war eine Sache. Das ging schon irgendwie und entgegen Beths Schwarzmalerei konnten die meisten der Leute in ihrem Alter auch ein wenig Englisch. Sich aber auf offener Straße mit einem aufgebrachten Franzosen anzulegen, das war ein ganz anderes Kaliber der kulturellen Konfrontation und – in ihren Augen – einfach nur peinlich.
Sie schämte sich so sehr. Wegen der lauten Flüche, die der Kerl wutschnaubend ausstieß und welche einige der anderen Passanten bereits auf sie aufmerksam gemacht hatte. Und wegen der Tatsache, dass er inzwischen längst wieder aufrecht stand, während sie noch immer unbeholfen versuchte, sich vom Boden hochzuklauben. Aber am schlimmsten war der Kaffeefleck. Als hätte der Inhalt des Wegwerfbechers penibel darauf geachtet, sich nur auf ihr, ja wirklich nur auf ihr und nicht etwa an der Hauswand oder auf dem Boden zu verteilen. Sie sah aus wie eine Obdachlose und um nach Hause zu gehen und sich umzuziehen, dafür war es längst zu spät.
Noch immer mit sich selbst und ihrem zurückgewonnenen Pessimismus beschäftigt, bemerkte Sophie erst gar nicht, dass der Typ aufgehört hatte, zu meckern, und sie nun bedenklich aufmerksam betrachtete.
Mit gleichen Waffen schlug sie zurück und taxierte ihn ebenfalls, während sie weiterhin versuchte, ihre Sachen zusammenzuraffen und aufzustehen. Eine ansonsten einfache Abfolge von Bewegungen und Handgriffen wurde plötzlich zu einer echten Herausforderung. Immer wieder verhedderte sie sich im Tragegurt ihrer Tasche und der halb leere, verschmierte Kaffeebecher in ihrer Hand war auch nicht gerade hilfreich. Doch auf keinen Fall würde sie den umstehenden Leuten jetzt auch noch die Genugtuung verschaffen, das leere Behältnis einfach liegen zu lassen, wie es eine dreiste Amerikanerin tun würde.
Tapfer hantierte sie weiter mit allen Utensilien und bemühte sich darum, eine leidlich grazile Haltung zu wahren und nicht allzu erbärmlich auszusehen. Dabei warf sie dem Jungen immer wieder vorsichtige Blicke zu. Dass er keine Anstalten machte, zu verschwinden, und nichts weiter tat, als sie zu beobachten, machte Sophie nervös.
Er schien etwa in ihrem Alter zu sein. Relativ groß, aber nicht zu groß. Seine Haare, die er sich während seines Wutausbruchs immer wieder wild gestikulierend verstrubbelt hatte, waren von einem mattglänzenden dunklen Braun und für amerikanische Verhältnisse recht lang. Aber sie war ja nicht in Amerika, sondern gerade dabei, sich bis auf die Knochen zu blamieren, ohne sich auch nur mit einem Wort rechtfertigen zu können. Sie war in Frankreich. Und sie war spät dran.
Die Schule begann in der Regel um 8:15 Uhr und ging meist den ganzen Tag. Als Neue und als verbal Beeinträchtigte konnte sie es sich nicht leisten, zu spät zu kommen.
Sie wendete den Blick ab und beschloss, den Draufgänger von nun ab zu ignorieren. Irgendwann würde er schon abhauen und dann wäre sie vielleicht auch endlich in der Lage, ihren Tag fortzusetzen. Inständig hoffte Sophie, dass es auf dem Weg zur Schule irgendwo eine Boutique geben würde, in welcher sie trotz der frühen Stunde ein neues Shirt erstehen konnte. So würde Annas Geldspritze wenigstens endlich einen sinnvollen Einsatz finden. Wenn sie nur auf die Schnelle irgendeinen Laden finden könnte.
Reines Wunschdenken.
Plötzlich erschien eine Hand vor ihrer Nase.
Erschrocken blickte Sophie auf und stellte erstaunt fest, dass ihr Unfallopfer – oder Verursacher – ihr aufhelfen wollte. Offenbar hatte er seine Manieren wiederentdeckt. Ein bisschen spät, aber immerhin.
»Tu vas bien?«, fragte er und hielt ihr ausdauernd die ausgestreckte Hand entgegen.
»Je …«, setzte sie an, brach aber sofort wieder ab. Keine Ahnung, was man in solch einer Situation sagen sollte. Sie hatte ja nur mit Mühe und Not verstanden, dass er sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte.
»Allez!«, forderte er sie nun belustigt auf und Sophie nahm seufzend seine Hand, um sich daran hochzuziehen.
Er plapperte derweil munter weiter. »Pardon. Je n’ai pas fait attention … la musique«, erklärte er und deutete entschuldigend auf seine herabhängenden, ziemlich prolligen Kopfhörer. Offenbar wollte er ihr begreiflich machen, dass er dem Verkehr wegen seiner lauten Musik nicht unbedingt viel Beachtung geschenkt hatte.
Bevor das Ganze noch komplizierter werden konnte, hob Sophie die Hand und bedeutete ihm, still zu sein.
Verblüfft hielt er inne und blickte sie erwartungsvoll an.
Erst jetzt bemerkte Sophie, dass er extrem blaue Augen hatte, was bei seinen dunklen Haaren und dem beinahe olivfarbenen Teint ungewöhnlich war. Wobei der Teint auch langen Sommerwochen unter der provenzalischen Sonne geschuldet sein konnte. Für einen Moment brachte sie diese Entdeckung aus dem Konzept und sie starrte ihm viel zu lang ins Gesicht, doch dann fing sie sich wieder und holte tief Luft, um ihren Standardsatz abzuspielen.
»Pardon, je ne parle pas français«, ratterte sie die Worte, beinahe ohne zu stottern, herunter. Sie hatte sie in letzter Zeit so oft ausgesprochen, dass sie den Satz inzwischen wohl rückwärts hätte aufsagen könnte. »Je suis Américaine«, fügte sie hinzu und machte ihrem Gegenüber klar, dass sie die Sprache nicht beherrsche und keine Französin sei.
Es dauerte noch einen weiteren Moment, bis die Information endgültig zu ihm durchdrang, doch dann erhellte sich seine Miene erstaunlicherweise. Vielleicht war er ja froh, dass sie überhaupt etwas erwidert hatte. Sicher musste Sophie mit ihrer wortkargen Art seltsam auf andere wirken, wenn nicht gar unhöflich.
Er lachte kurz auf und zwinkerte ihr fröhlich zu.
»Amerikanerin? Natürlich! Dann sollte ich wohl besser in Englisch weiterfluchen, was?«, schmetterte er ihr beinahe akzentfrei entgegen. Beinahe. Seine Muttersprache drang bei manchen Worten mehr, bei anderen weniger durch. Die beiden Wörter sollte und ich hingen bei ihm praktisch direkt aneinander.
Sophie stellte überrascht fest, dass ihr das gefiel. Bei den anderen Mitschülern war ihr der angenehme Klang gar nicht so sehr aufgefallen. Verblüfft über diese scherzhafte Bemerkung, starrte sie ihn nur nichtssagend an. Dann musste sie ebenfalls lächeln. Er war gar nicht mal so unsympathisch, dieser blauäugige Franzose.

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